Warum die Jahre um den Rentenstart die alles entscheidenden sind
Ein Experiment mit zwei Rentnern
Anna und Bernd gehen am selben Tag in Rente. Beide haben 500.000 €, beide entnehmen 20.000 € pro Jahr, beide erleben über 25 Jahre exakt dieselben Renditen — nur in umgekehrter Reihenfolge. Anna bekommt die schlechten Jahre am Ende, Bernd am Anfang.
Bernd (Crash sofort): Sein Depot halbiert sich in den ersten Jahren, während er entnimmt. Jede Entnahme verkauft jetzt doppelt so viele Anteile. Als die Erholung kommt, ist zu wenig Substanz übrig, um mitzuwachsen. Er ist Mitte 80 pleite — bei identischer Durchschnittsrendite.
Das ist das Renditereihenfolge-Risiko (englisch: Sequence-of-Returns Risk). Der Durchschnitt lügt nicht — aber er verschweigt, wann die Verluste kommen.
Warum es nur in der Entnahmephase zuschlägt
In der Ansparphase ist der Effekt sogar Dein Freund: Ein Crash am Anfang lässt Dich jahrelang billig nachkaufen. Sobald Du aber entnimmst, dreht sich das Vorzeichen. Verkäufe in gefallene Kurse hinein sind realisierte Verluste — die Anteile fehlen für immer, die Erholung findet ohne sie statt.
Am gefährlichsten ist deshalb das Jahrzehnt um den Rentenstart: etwa die letzten fünf Jahre der Ansparphase und die ersten fünf bis zehn Jahre der Entnahme. Wer 1929, 1973 oder 2000 in Rente ging, erlebte genau dieses Szenario — teils mit Jahrzehnten, in denen sich der Markt real nicht erholte, wie in den inflationsgeprägten 1970ern.
Was dagegen hilft
- Fallschirm (Kasse-Puffer): Zwei bis fünf Jahresbedarfe in der Kasse oder in kurzlaufenden Anleihen. In Crash-Jahren entnimmst Du aus dem Puffer statt aus dem Depot — die Anteile bleiben liegen, bis sich der Markt erholt.
- Flexible Entnahme (Leitplanken): Regeln wie Guyton-Klinger senken die Entnahme automatisch, wenn die Entnahmequote aus dem Ruder läuft, und erhöhen sie in guten Jahren. Ein Überblick steht im Strategien-Vergleich.
- Grundbedarf definieren: Wer weiß, wie viel wirklich unverzichtbar ist, weiß auch, wie viel Kürzungsspielraum im Krisenjahr existiert — und wie viel davon garantierte Ströme wie die gesetzliche Rente bereits decken.
- Allokation zum Rentenstart überdenken: 100 Prozent Aktien am ersten Rententag maximiert genau das Risiko, das hier beschrieben ist.
Testen statt hoffen
Ob Dein Plan ein Bernd-Szenario überlebt, lässt sich nicht am Durchschnitt ablesen — aber an der Geschichte. Rollierende historische Szenarien spielen Deinen konkreten Plan gegen jeden möglichen Startzeitpunkt der letzten Jahrzehnte durch: Rentenstart 1929, 1973, 2000, 2008 und alle Jahre dazwischen. Erst dann siehst Du, ob Deine Zahl auch im schlechtesten historischen Fall trägt — oder nur im Durchschnitt.
Quellen und Grundlagen
- Bengen, W. P. (1994): Determining Withdrawal Rates Using Historical Data, Journal of Financial Planning — die schlechten Startjahre 1929, 1937, 1966–1973 als Ursprung der Regel.
- Guyton, J. & Klinger, W. (2006): Decision Rules and Maximum Initial Withdrawal Rates, Journal of Financial Planning — Leitplanken als Antwort auf das Renditereihenfolge-Risiko.
- Kitces, M. (2008): Understanding Sequence of Return Risk, The Kitces Report — Zerlegung des Risikos in Reihenfolge- und Niveau-Effekt.
- Datenbasis der Engine: deutsche Kapitalmarkt- und Inflationsreihen ab 1971 (Deutsche Bundesbank, Statistisches Bundesamt), US-Reihen ab 1871 (Shiller-Datensatz).
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